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Literatur aus Flandern und den Niederlanden
in Berlin - 12.-18. Mai 2004

Autoren

Paul Bogaert

Paul Bogaert

Innerhalb weniger Jahre und mit nur drei Gedichtbänden hat sich Paul Bogaert (Flandern, 1968) als eine der auffallendsten Stimmen der jüngeren flämischen Dichter etabliert. Er debütierte 1996 mit Welcome Hygiene, Gedichten voll bizarrer Logik und mit einer wohl überlegten Mischung unterschiedlicher Sprach- und Stilregister. Das rastlose lyrische Ich wird von extremem Selbstbewusstsein geplagt. Eine Auswahl aus u.a. diesem Band erschien gerade auf Deutsch in Schreibheft 62. Ähnliche geistige und sinnliche Sensationen finden sich in Circulaire systemen (2002). Ein geschlossenes System erzeugt Sicherheit, aber auch Unbequemlichkeit. In distanziertem, pseudowissenschaftlichem Ton schafft er poetische Sprachmaschinen, in denen das Alltägliche mit dem Systematischen kontrastiert.

Hugo Claus

Hugo Claus

Hugo Claus (Flandern, 1929) gilt als einer der berühmtesten zeitgenössischen Autoren des niederländischen Sprachraums und zählt zu den Kandidaten für den Nobelpreis. Er war außerdem als Maler und Filmemacher aktiv. In den fünfziger Jahren gehörte er dem Pariser Kreis von Avantgarde-Künstlern an. Sein umfangreiches Œuvre umfasst Romane, Erzählungen, Gedichte, Theatertexte und Drehbücher (auf Deutsch zumeist bei Klett-Cotta). Sein Meisterwerk ist Der Kummer von Flandern (Klett-Cotta, 1986, zuletzt dtv, 1999), ein beeindruckender Bildungsroman, der sich vor dem Hintergrund eines dunklen Kapitels der belgischen Geschichte abspielt: der Kollaboration mit der deutschen Besatzung. Claus wurden mehrere wichtige Preise verliehen, u.a. der Preis für Europäische Poesie 2001.

Siehe auch www.clauscentrum.be

Adriaan van Dis

Adriaan van Dis

Adriaan van Dis (Niederlande, 1946) ist ein Autor, der die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen sucht. Diese Suche und die daraus erwachsenden Konflikte gewinnen in vielen seiner Bücher Gestalt, von seinem Debüt Nathan Sid (zuletzt Hanser, 1996) bis zu seinem erfolgreichsten Roman Indische Dünen (Hanser, 1997). Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen ist auch Gegenstand seiner Reiseerzählungen, wie u.a. Ein Barbar in China. Eine Reise durch Zentralasien (Volksblatt, 1993) belegt. In seinem jüngsten Roman Familieziek (Übersetzung bei Hanser in Vorbereitung) erzählt Van Dis die komische und ergreifende Geschichte eines Jungen, der in einer aus Indonesien zurückgekehrten Familie aufwächst, in der er trotz seiner rührenden Bemühungen immer Außenseiter bleiben wird. Soeben erschien bei Hanser auch sein viel besprochener Roman Doppelliebe. Die Geschichte eines jungen Mannes. Siehe auch www.adriaanvandis.nl

Anna Enquist

Anna Enquist

Der Erfolg Anna Enquists (Niederlande, 1945) beschränkt sich keinesfalls auf die Niederlande, wo sie einen Bestseller nach dem anderen veröffentlicht. Ihr Romandebüt, Das Meisterstück – in den Niederlanden ausgezeichnet mit dem Preis für das beste Debüt –, wurde auch in Deutschland sehr lobend aufgenommen. ‘Es ist die einfache Eindringlichkeit, durch die dieser Roman besticht’, notierte Verena Auffermann in der Süddeutschen Zeitung. Nicht von ungefähr erlebte dieses Buch mehrere Auflagen (Luchterhand, 1995). Auch der 2001 in Übersetzung bei Luchterhand veröffentlichte Erzählband Die Verletzung erschien kürzlich im Taschenbuch (Goldmann). Neben Prosa schreibt Enquist auch Lyrik. Die Auswahl Ein neuer Abschied (Luchterhand, 1999) unterstreicht ihre Vielseitigkeit.

Arnon Grünberg

Arnon Grunberg

Im Alter von nur 23 Jahren debütierte Arnon Grünberg (Niederlande, 1971) mit einem Aufsehen erregenden Roman, der als Blauer Montag auch auf Deutsch erschien (Diogenes, 1997/9). Seither entpuppt sich Grünberg als einer der vielseitigsten und produktivsten jungen niederländischen Autoren.

Parallel zu seinen Romanen publiziert er Essays, Kolumnen und Kritiken.

In seinem jüngsten Roman Der Asylbewerber treibt Grünberg ein teuflisches Spiel mit gesellschaftlichen Konventionen. Eine einzige schriftstellerische Karriere reicht ihm jedoch nicht. 2000 debütierte er als Marek van der Jagt (‘1967’) erneut. Van der Jagts Roman Amour fou wurde in den Niederlanden umgehend zum Erfolg und mit dem Preis für das beste literarische Debüt ausgezeichnet, in Deutschland (Diogenes, 2002/3) mit dem NRWLiteraturpreis und als Quartalsbuch der ZDF-Sendung Aspekte. Neben der Übersetzung von Grünbergs Asylbewerber ist bei Diogenes auch die des zweiten Romans van der Jagts, Gstaad 95-98, in Vorbereitung. Siehe auch www.arnongrunberg.nl und www.grunberg.nl

Kristien Hemmerechts

Kristien Hemmerechts

Kristien Hemmerechts (Flandern, 1955) gehört zu den führenden auf Niederländisch schreibenden Autoren der Gegenwart. In ihren Büchern stehen oft emotionale Beziehungen im Mittelpunkt: unvollkommene Beziehungen zwischen Männern und Frauen oder zwischen Eltern und Kindern. Ihre Figuren sehnen sich nach Sicherheit und Erfüllung tiefer, aber schlecht definierter Wünsche. Sie leben folglich wie in einem Labyrinth der Gefühle.

Hemmerechts Erfolg stützt sich zum Teil auf die Erkennbarkeit ihrer Figuren wie auf realistische und freizügige Erotik. Mit ihre Publikationen hat Hemmerechts ein beeindruckendes literarisches Œuvre geschaffen. Viele Frauen und ab und zu ein Mann (Heyne Diana, 2002) ist ihre jüngste Veröffentlichung auf Deutsch.

A.F.Th. van der Heijden

A.F.Th. van der Heijden

Die Vollendung der deutschen Übersetzung des Romanzyklus Die zahnlose Zeit wurde mit einer kunstvollen, vom Autor signierten Vorzugsausgabe in Kassette gefeiert.

Diese gebundene Ausgabe (Suhrkamp, 2003) enthält alle sieben Bände und ein Verzeichnis aller darin vorkommenden Figuren. Anhand ihrer Lebensgeschichten werden die wichtigsten Ereignisse erzählt. Van der Heijden (Niederlande, 1951) zeichnet ein eindringliches, unvergleichliches Bild der Siebziger- und Achtzigerjahre. Sein wunderbarer barocker Stil kommt in der viel gerühmten Übersetzung Helga van Beuningens vollständig zur Geltung.

Schon die Größe dieses Werks beeindruckt, aber es ist nur van der Heijdens erstes Opus magnum. Inzwischen arbeitet er am neunbändigen Homo duplex. Siehe auch www.afth.nl

Tom Lanoye

Tom Lanoye

Tom Lanoye (Flandern, 1958) lebt in Antwerpen und Kapstadt. Er ist als Autor von Gedichten, Erzählungen und Romanen sowie als Kolumnist, Theater- und Drehbuchautor bekannt. Er tritt als Performer eigener und fremder Werke auf. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen die Bestseller Pappschachteln (Claassen, 1993) und die Monster- Trilogie (Fragmente daraus erschienen gerade in Schreibheft 62). Schlachten! (Verlag der Autoren, 1999), seine Adaption von Shakespeares Rosenkriegen, wurde im Rahmen der Salzburger Festspiele und auch in Berlin aufgeführt. Lanoyes Übersetzung in Reimen wurde als ‘Maßstab für alle künftigen Shakespeare-Adaptionen’ gefeiert.

Als Dichter erregte er Aufsehen mit Niemands Land, einer Adaption der War Poets. Siehe auch www.lanoye.be

Tomas Lieske

Tomas Lieske

Franklin ist der erste Roman Tomas Lieskes (Niederlande, 1943) in deutscher Übersetzung (Rowohlt, 2004). Eine angenehme Form des Kennenlernens, denn Franklin – 2001 mit dem renommierten niederländischen Librisliteraturpreis ausgezeichnet – ist ein überschäumender Roman, temporeich und spannend. Die Hauptfigur Franklin Lowendaal ist ein Ausgestoßener, das ungewollte Produkt einer Vergewaltigung. Verstoßen von seiner Mutter, und auch sein Vater will möglichst wenig mit ihm zu tun haben. Franklin muss zusehen, wie er zurechtkommt, anfangs in Schulen und Internaten, später in heruntergekommenen Untermietzimmern. Er ist ein Schelm, der ständig in Konflikt mit sich und seiner Umgebung gerät, gewalttätig, verfügt aber auch über eine ungebändigte Fantasie. Kurz gesagt, Franklin muss man einfach ins Herz schließen.

Geert Mak

Geert Mak

Wie nur wenigen anderen Autoren gelingt es Geert Mak (Niederlande, 1946), historische Themen mit Leben zu erfüllen. In all seinen Büchern verleiht er der Geschichte aus der Perspektive eines Beteiligten eine persönliche Note, wodurch großartige literarische Sachbücher entstehen. Sehr aufschlussreich in dieser Hinsicht ist der Titel Das Jahrhundert meines Vaters (Siedler, 2003), in dem Mak eine Biographie der Niederlande in Form einer Familienchronik schreibt. Fakten und Daten werden bei ihm zu einem mitreißenden und eindringlichen Bericht. Ebenso in Amsterdam. Biographie einer Stadt (Siedler, 1997), worin er auf unnachahmliche Weise die soziale Anatomie seiner Heimatstadt schildert, und in Wie Gott verschwand aus Jorwerd (Siedler, 1999), in dem er vom Untergang eines Dorfes erzählt.

Vonne van der Meer

Vonne van der Meer

Mit Inselgäste und Die letzte Fähre (G. Kiepenheuer, 2001 bzw. 2002) schrieb Vonne van der Meer (Niederlande, 1952) zwei erfolgreiche und viel gerühmte Romane über die verschiedenen Gäste des Hauses ‘Dünenrose’, eines Ferienhäuschens auf einer der Westfriesischen Inseln.

Wer diese Bücher kennt, wird sich über das Erscheinen des dritten Teiles freuen. Wie in den vorherigen Bänden ergeben sich aus den Begebenheiten in Abschied von der Insel (G. Kiepenheuer, 2004) wunderschöne subtile Porträts. Van der Meer erweist sich als Meisterin der Suggestion. Ihre Erzählungen zeichnen sich durch charakteristische Details und Stimmungsbilder aus. Man kann die drei Bände einzeln lesen, aber als Trilogie gewinnen die Geschichten noch an Tiefe und Ausdruckskraft.

Siehe auch www.vonnevandermeer.nl

Bart Moeyaert

Bart Moeyaert

Seit seinem Debüt im Jahre 1983 hat Bart Moeyaert (Flandern, 1964) im Kreis der wichtigsten (Jugendbuch-)Autoren Europas zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen erhalten. Mit seinem Werk verteidigt er die Ansicht, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene gute Jugendliteratur zu schätzen wissen.

In seinen Erzählungen kämpfen Kinder ebenso hart wie Erwachsene um ihren Platz an der Sonne. Bücher wie Küss mich (Beltz & Gelberg 2003) und Bloße Hände (Beltz & Gelberg, 1997; Deutscher Jugendliteraturpreis, 1998) weisen eine fest umrissene Struktur auf, die von suggestiven Bildern gekennzeichnet wird, welche jeder Geschichte eine ganze Reihe von Emotionen und einen exakten Rhythmus auferlegen.

Erwin Mortier

Erwin Mortier

Erwin Mortier (Flandern, 1965) gilt in der flämischen Literatur als die große Entdeckung der letzten Jahre. Seine Romane sind in viele europäische Sprachen übersetzt worden. Mortier erregte im Jahre 1999 Aufsehen mit seinem Debüt Marcel (Suhrkamp, 2001). Hier ringt ein Junge mit Familiengeheimnissen um den Tod eines Großonkels in Russland im Zweiten Weltkrieg. Kollaboration und angestaute Verbitterung über Repression und Schmach sind nach wie vor Streitthemen der flämischen Kultur, aber Mortier behandelt sie mit Feingefühl und Rücksicht. Auch in Meine zweite Haut (Suhrkamp, 2004) ist die Hauptfigur ein Junge, der, von Tanten und Onkeln umringt, aufwächst und die eigene Identität erkundet.

Leonard Nolens

Leonard Nolens

Leonard Nolens (Flandern, 1947) ist eine beeindruckende Erscheinung in der flämischen Poesie. Sein Werk ist ins Französische, Polnische, Italienische, Englische und Deutsche übersetzt worden; 1997 erschien bei Kleinheinrich die Sammlung Geburtsschein und nun eine Gedichtauswahl in Schreibheft 62. Nolens greift eine Reihe klassischer Themen auf, von denen er wie besessen ist: Eltern, Kinderfragen, Jugendporträts, Abschiedsfeiern, Stadtansichten, Freunde, Einsamkeit, Alkohol, Gott, Geld, die Traumfrau und das Traumbuch. Nolens’ Gedichte kennzeichnen sich durch polyphones Denken und imaginäres Handeln. Seit dem Jahre 1989 hat Nolens vier Bände eines Tagebuchs veröffentlicht, in dem er die Beziehung zwischen Dichtung und Identität tiefer ergründet. Nolens hat zahlreiche Preise bekommen. Derwisj (2003) ist sein sechzehnter Gedichtband.

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom (Niederlande, 1933) ist zweifellos einer der international am stärksten gefeierten niederländischen Autoren. Nooteboom, der kürzlich sein fünfzigjähriges Jubiläum als Schriftsteller beging, hat ein beeindruckendes vielseitiges Œuvre geschaffen, das ihm internationale Anerkennung als Autor und kosmopolitischer Denker gebracht hat. Nootebooms Reiseberichte, Essays und Romane zeichnen sich durch seine Begeisterung für die sichtbare Welt, für die Kunst, aber auch durch einen ernüchternden Blick auf die Zeit, die Geschichte und die Erinnerung aus. Hinzu kommen seine Begeisterung für Sprache, Stil und Form, denn dieser Schriftsteller ist auch noch ein Dichter, dessen Lyrik von J.M. Coetzee als sein wichtigstes Werk gerühmt wird. Suhrkamp hat 2003 mit der Herausgabe von Nootebooms Gesamtwerk begonnen; derzeit liegen vier der insgesamt acht Bände vor.

Connie Palmen

Connie Palmen

Wichtigstes Thema im Werk Connie Palmens (Niederlande, 1955) ist das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit. So auch in ihrem jüngsten Roman Ganz der Ihre (Diogenes 2004).

Palmen lässt darin verschiedene Personen über Mon Schwartz erzählen, in dem niederländische und deutsche Leser ihres Romans I.M. (Diogenes, 2001) Ischa Meijer, Palmens verstorbenen Partner, erkennen werden. Sie zeichnet aber nicht nur ein biographisches Porträt, sondern illustriert vielmehr, wie sehr unser Leben eingebettet ist in Fiktion, in die Geschichten, die andere über uns erzählen.

Auch wenn darin natürlich Spuren der Wirklichkeit gezeigt werden, so macht Palmen doch vor allem deutlich, dass Fantasie das einzige Mittel ist, mit der Realität umzugehen.

Mustafa Stitou

Mustafa Stitou

1994 war der Lyriker Mustafa Stitou (Niederlande, 1974) der erste Marokkaner, der mit einem niederländischsprachigen Debüt aufwartete. War schon diese Tatsache an sich bemerkenswert, so stellte jener Lyrikband Mijn vormen vor allem eine beispiellose literarische Sensation dar. Der Autor zeichnet sich durch einen faszinierenden Umgang mit der Sprache aus, in dem Gefühl und Verstand ein seltsames Bündnis eingehen. Auch in Mijn gedichten (1998) und Varkensroze ansichten (2000) beweist Stitou sich als begnadeter Seiltänzer. Er balanciert mühelos zwischen Wirklichkeit und Fantasie, Ironie und Engagement, Humor und Ernst, Ost und West – mit allen damit zusammenhängenden Widersprüchlichkeiten, die aber immer in glänzende Formen gekleidet sind. Außerdem ist Stitou ein ausgezeichneter Vortragskünstler.

P.F. Thomése

P.F. Thomése

Für den Tod des eigenen Kindes gibt es keine Worte, auch oder gerade nicht für einen Schriftsteller. P.F. Thomése (Niederlande, 1958) erzählt in Schattenkind (Berlin Verlag, 2004), wie sehr die Sprache für ihn nach dem Tod seiner wenige Wochen alten Tochter jegliche Bedeutung verloren hatte. In dieser Novelle versucht er, sich die Sprache wieder zu Eigen zu machen – Schritt für Schritt, sich vortastend, im Bemühen, dem Sinnlosesten doch Bedeutung zumessen zu können. Wie bitter es auch klingen mag: Thomése ist das vollständig gelungen, denn Schattenkind ist ein schauerlich schönes Buch von seltener stilistischer Qualität. Es trifft jeden Leser bis ins Mark. Außer Schattenkind sind in Deutschland auch Der sechste Akt (G. Kiepenheuer, 1999), Über der Erde und Heldenjahre (Bruckner & Thünker, 1993 bzw. 1995) erschienen. Siehe auch www.thomese.nl